Mittwoch, 24. Juli 2013

Wie das Wirtschaftswunder wirklich zustande kam


Bei der ARD lief kürzlich ein Report über das Wirtschaftswunder. Und tatsächlich wundert man sich, was sich bis heute alles als falsche Annahme und Darstellung des Deutschen Wirtschaftswunders herausgestellt hat.
Hier zur Sendung (in der Mediathek):
ARD-Report_unser-wirtschaftswunder-die-wahre-geschichte
bzw. bei Youtube
Ungesehene Erkenntnis 1:
Was oft ausgeblendet wird ist, dass es in anderen Ländern wie Frankreich ebenfalls ein Wirtschaftswunder gab. Nicht nur in Deutschland. Es war also eher ein Phänomen der Nachkriegszeit und des Wiederaufbaus als des deutschen Fleißes.

Ungesehene Erkenntnis 2:


Die Währungsreform war essentiell für die aufblühende Wirtschaft. Jedoch war nicht Ludwig Erhard der Urheber der Währungsreform 1948 sondern die USA. Die Deutsche Mark war bereits seitens der USA gedruckt, bevor deutsche Währungsexperten (pro Forma und auch ohne Ludwig Erhard) in der "Konklave von Roth-Westen" 1948 zusammengerufen wurden um über eine neue Währung zu reden.

Ungesehene Erkenntnis 3:
Durch den Marschall-Plan wurden Baumwolle und Tabak aus den USA geliefert.
Entgegen der damaligen Darstellung wurden jedoch nicht Maschinen ins Land gebracht und mit US-Geldern Fabriken wieder aufgebaut, so Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser. Zudem seien deutsche Industrieanlagen nicht so stark zerstört gewesen wie zunächst angenommen und konnten relativ schnell wieder verwendet werden.
Viel wichtiger seien die Ingenieure und Wissenschaftler gewesen, die aus dem Osten in den Westen gebracht wurden und durch die Firmen wie Audi in Ingolstadt gegründet werden konnten.
Die deutschen Automobilhersteller konnten auf das Massenfertigungs-Know-How der Amerikaner und rückkehrenden Deutsch-Amerikaner zurückgreifen und erreichten so einen Vorsprung vor der Europäischen Konkurrenz.

Laut Peter Sichel (ehem. Leiter CIA) wollten die Amerikaner vor allem verhindern, dass Europa kommunistisch wurde.

Ungesehene Erkenntnis 4:
Im Londoner Schuldenabkommen wurden (West-) Deutschland 1953 die Hälfte seiner Schulden erlassen. Zudem wurden im Gegensatz zu 1918 keine Reparationszahlungen gefordert. Dies ermöglichte ganz wesentlich das Wirtschaftswunder.

Betrachtungen dazu:

Die USA war nach dem Krieg und bis zum Fall der Deutsch-Deutschen Mauer sehr daran interessiert, das westliche Modell von Politik und Wirtschaft gegenüber dem kommunistischen Modell gut aussehen zu lassen. Die Währungsreform schaffte breit verteilte Vermögen, Sicherheit und Leistungsanreiz. Kapitaleinkommen spielte damals kaum eine Rolle, weil es zumindest im Inland kaum mehr große Kapitalanhäufungen gab. Sachvermögen (z.B. Besitz an Unternehmen, großen Immobilien) wurde mit Ausgleichszahlungen belastet. Jeder bekam erst 40DM, später nocheinmal 20DM, anderes Bargeld existierte nicht. So entstanden annähernd gleiche Voraussetzungen für weite Teile der Bevölkerung. Ein Großteil des Erlöses aus der Wertschöpfung wurde dadurch zu Arbeitseinkommen. Die Differenz von höchsten zu niedrigsten Löhnen in einem Unternehmen war höchstens 10:1, ganz anders als heute in Zeiten von Millionengehältern und -boni.
Durch die soziale Marktwirtschaft entstand zusätzlich ein Gefüge aus breitem Wohlstand und sozialer Absicherung.

Seit das Konkurrenzmodell Kommunismus quasi verschwunden ist, wurden in Deutschland Sozialsysteme eher abgebaut und Europäische Staaten gerieten in Folge der Finanzkrise 2008 (Kapitalkrise, durch US-Banken verursacht, wenn nicht gar insziniert, siehe Dokumentarfilm "Inside Job") in Schuldenkrisen. Staatseigentum und Sozialsysteme werden zunehmend "veräußert", um die weiter steigenden Zinszahlungen leisten zu können.

Ein Schuldenschnitt, wie er damals Deutschland zugestanden wurde, fand und findet nicht statt. So stieg die griechische Staatsschuldenlast vom Beginn der "Retung" 129% des Bruttoinlandsproduktes bis 2013 auf 179% des Bruttoinlandsproduktes [Artikel]. Dies ist kein Weg aus der Krise und auch kein Weg in eine gesunde Wirtschaft. Ein gesunder Weg führt nur über die Erhöhung der Wirtschaftsleistung und Warenabsatz der Krisenländer, nicht über Austeritätspolitik (Politik des staatlichen Sparens).


Das Problem sind nicht in erster Linie die Fehler, die von den Griechen, Portugisen, Spanier, Italiener, Franzosen usw. begangen wurden. Das Problem ist vor allem, dass die virtuellen Gewinne aus den Finanzblasen durch die staatliche Rettung in Staatsschulden und damit reale Forderungen umgewandelt wurden.

Grafik: Entwicklung der Geldmenge M3 (Giralgeld und kurzfristige Kredite/Anlagen) in Europa, Zahlen vom Statistischen Bundesamt
Diese Forderungen stellen Guthaben dar, um deren Erhalt sich die Finanzwelt sorgt. Dass die Politik in diesem Spiel den Interessen der Finanzwelt folgt statt die der Mehrheit der Staatsbürger, zeugt davon dass die Demokratie längst einer Plutokratie bzw. Plutonomie, wie es die Citibank ausdrückte, gewichen ist. Aus dieser Demokratiekrise kommt man nur durch eine Veränderung des Wirtschafts- und Finanzsystems (der sanfte Weg) oder durch revolutionäre Enteignungen (Kahlschlag) heraus, denn derzeit zeichnen sich in der politischen und wirtschaftlichen Landschaft leider keine Tendenzen zur nachhaltigen Lösung dieses Problems ab.

Christoph Ulrich Mayer, 7/2013
Mehr dazu im Buch Goodbye Wahnsinn
Vom Kapitalismus und Kommunismus zum menschengerechten Wirtschaftssystem

1 Kommentar:

  1. Hi Christoph,
    Wachstum und Reformen langen meineserachtens langfristig nicht aus.
    Die absolute Höhe der Schulden macht da einen Strich durch die Rechnung. Die Schulden müssten im Verhältnis zum BSP drastisch fallen, vor allem in den Krisenländern. Also müssen die Schulden real abwerten oder das Wachstum langfristig größer als die Schulden sein.
    Ob das in unserem Fiat-Money-Geldsystem ohne Reset klappen wird ist die Frage. Bernhard

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