Mittwoch, 31. Juli 2013

Warum die Wirtschaft nicht so weiter machen kann

Im Jahr 2008 brach unser Finanzsystem zusammen. Wir haben davon sehr viel in den Nachrichten gehört, doch in unserem alltäglichen Leben haben wir es zunächst kaum bemerkt. Warum, darauf kommen wir weiter unten.

Erst wollen wir die Frage beantorten: Warum kam es zum Kollaps?

Ein paar Detailinformationen wurden dazu öffentlich genug diskutiert. Sehen wir uns die Makroebene an.

Sehr deutlich erkennt man das Problem, wenn man die Gesamt-Schuldenlast der USA mit dem Bruttoinlandsprodukt der USA vergleicht, siehe dieser Garfik:

Grafik aus: TheEconomicCollapseBlog.com


Erstaunlich ist zunächst, dass dieser exponentielle Anstieg seit 1950 fast mathematisch genau intakt war. Nach Theorie hätte es hier längst Korrekturen geben müssen, doch die wurden durch zunehmende Virtualisierung im Finanzmarkt umgangen.

Beide, das Bruttoinlandsprodukt (engl. GDP) als auch die Schuldenlast (TCMDO ist die Gesamtverschuldung Staat, Unternehmen, Privatpersonen) steigen, wenn man so will, exponentiell.
Nur steigt die Schuldenlast mit einem stärkeren Exponenten. Auf diese weise werden die Schulden im Verhältnis zum BIP immer größer.Wären es einfach Schulden, hätten wir kein so großes Problem. Kredite werden schließlich an all jene vergeben, die (theoretisch) glaubwürdig versprechen, dass sie die Schuld zurückzahlen können. Das Problem ist: Die Zinslast steigt mit den Schulden und wird so zu einer prozentual immer größeren Last für die Volkswirtschaft.

Historische Schuldenquote ... und Guthaben

1929, als mit dem Schwarzen Freitag die große Rezession in den USA begann, lag die Schuldenlast bei ca. 300% des Bruttoinlandsproduktes, 2009 lag sie bereits wieder weit darüber, bei 359% [Forschung Morgan-Stanley]. Bei einem durchschnittlichen Zinssatz von 5% (er dürfte real höher liegen) zahlen die Amerikaner jährlich 2,8 Billionen Dollar Zinsen. Dazu kommen dann noch die Zahlungen für die anderen Finanzpapiere, Dividenden für Aktien und andere Ausschüttungen, die mindestens genauso hoch sein dürften. In Deutschland lag die jährliche Zinslast für die Volkswirtschaft bei 550 Mrd. €, 2012 liegt sie aufgrund der Entwicklungen seit 2008 bei ca. 420 Mrd. € (z.B. gesunkener Zinssatz durch niedrigen Leitzins und Inzahlungnahme maroder Anlagen durch die Zentralbank).

In einem so fortgeschrittenen System findet man immer weniger kreditwürdige Stellen, um die Schulden weiter wachsen zu lassen. Ein Kollaps ist unvermeidlich. Also überredete man 2001, auch mit Hilfe eines Programms der Regierung, Menschen die ihr Haus schon abbezahlt hatten, zur Refinanzierung ihrer Immobilien. Und man schuf Hausfinanzierungen, die mit ihrer jährlich steigenden Last am Anfang bezahlbar aussehen aber dann für die Schuldner nicht mehr zu leisten sind. Man wusste entweder von Anfang an oder irgendwann später, dass diese Kredite platzen würden und verpackte sie in undurchsichtige Fonds, die CDOs. Diese wurden an andere Banken verkauft. Auch hier kann man nur Vermutungen anstellen ob absichtlich staatliche Banken wie z.B. die deutschen Landesbanken dafür als Kunden auserchoren wurden. Durch die Involvierung der Staaten jedenfalls wurde sichergestellt, dass öffentliche Haushalte beim Platzen der Blase finanziell betrofen sind. So etwas könnte ein gängiges Prinzip der Finanzbranche sein. In einem abgehörten Telefonat der Anglo Irish Bank erkennt man die moralische Ebene auf der gearbeitet wurde [Veröffentlichte abgehörtes Gespräch im Irish Independent]: Fitzgerald: "Yeah. They've got skin in the game and that is the key." [hier zum Anhören]

Die "Rettung"...

Über die Involvierung der Staaten in den Kollaps und die Drohung des systemrelevanten Zusammnbruchs wurde der Staat genötigt, die vorher geschaffene Kreditblase zu übernehmen. Damit wurden die vorher virtuellen Gewinne aus diesen Anlagen vom Staat abgesichert und zu dessen Schulden gemacht. Hier die US-Staatsschuldenentwicklung, man erkennt deutlich den Sprung von rund 65% des BIP auf über 100% des BIP.


Grafik aus: TheEconomicCollapseBlog.com

(Dieser Umstand hat den Status Quo im Finanzsektor von 2008 in etwa aufrecht erhalten und v.a. deshalb merken wir im Alltag in Deutschland nicht viel von den Auswirkungen der Krise.)

Genauso lief es auch z.B. in Spanien, wo auch noch eine Inlands-Immobilienkrise von Staat abgefangen wurde. "Die private und öffentliche Verschuldung sei seit dem Jahr 2007 in den 18 führenden Wirtschaftsländern um 33 Billionen Dollar gestiegen." [FAZ] So wurden die USA und die Europäischen Staaten zu den Trägern der Schuld, die durch unreale Finanzprodukte und ihre Gewinne geschaffen wurde. Anschließend wurden dann die hohe Schuldenlast den Staaten zum Vorwurf gemacht und ihnen (von US Ratingagenturen) mangelnde Kreditwürdigkeit unterstellt. So stiegen die Marktzinsen und die Staaten wurden in Zahlungsengpässe und Verschuldungsfallen getrieben.

Seit 2010 werden Staaten zunehmend erpresst, ihre Sozialleistungen zu reduzieren und ihre Werte, Land, Fischereirechte, Infrastruktur usw. zu verkaufen um diese Schulden zu tilgen. Damit werden Staaten enteignet und somit auch das Gemeinschaftseigentum der Bevölkerung. Die Schulden der Staaten jedoch wurde seit Ausbruch der Staatsschuldenkrise 2010 nicht kleiner sondern größer. Solange "Hilfsgelder" nur zur Zahlung von Kreditzinsen verwendet werden [Banken wurden saniert - Bevölkerung verarmt], können die Staaten nie auf einen nachhaltigen Kurs gebracht werden.

Die Gefahr...

Die Gefahr besteht nun darin, dass dieser Prozess so weiterbetrieben wird, bis über den ESM, der die Staatsfinanzen der EU miteinander verbindet, alle Staaten in diesen Ausverkauf getrieben sind. Ist das Staatseigentum veräußert, Bahn, Energierzeuger, Wälder, Ländereien, und sind die Staaten dann hoch verschuldet, befindet sich das öffentliche Eigentum im Besitz von Finanzinstituten und reicher Privatpersonen. Dann wird die Position der Staaten im Vergleich zur Macht der Finanzinstitute noch ungleich schwächer sein. All die Rendite- und Zinszahlungen werden in der Zukunft nicht bezahlt werden können, es wird dann zu einem erneuten Kollaps kommen. Wohl dem, der dann die Sachwerte in seinem Besitz hat. Die Breite der Bevölkerung ist daran jedoch kaum beteiligt.
Die Frage muss erlaubt sein: Was ist eine Demokratie wert, wenn der Staat eingentlich Gläubigern gehört?


Die Sparpolitik des Staates kann nicht zur Lösung führen. Nur Geld, das für Konsum (auch industriellen und staatlichen) ausgegeben wird, kann das Bruttoinlandsprodukt erhalten und steigern. Geld, das gespart oder angelegt wird, fehlt im BIP. Erst durch Kreditvergaben kommt dann wieder Geld in Umlauf. Der Staat kompensiert diese Lücke und er kann das im jetzigen Finanzsystem nur, indem er Kredit aufnimmt, also mehr ausgibt als er einnimmt. Aber das sei Inhalt eines anderen Artikels, hier ein Einblick: Interview mit Heiner Flassbeck.

Lösungen finden Sie z.B. hier im Blog [1, 2] und im Buch Goodbye Wahnsinn
Vom Kapitalismus und Kommunismus zum menschengerechten Wirtschaftssystem


Christoph Ulrich Mayer, 7/2013

Mittwoch, 24. Juli 2013

Wie das Wirtschaftswunder wirklich zustande kam


Bei der ARD lief kürzlich ein Report über das Wirtschaftswunder. Und tatsächlich wundert man sich, was sich bis heute alles als falsche Annahme und Darstellung des Deutschen Wirtschaftswunders herausgestellt hat.
Hier zur Sendung (in der Mediathek):
ARD-Report_unser-wirtschaftswunder-die-wahre-geschichte
bzw. bei Youtube
Ungesehene Erkenntnis 1:
Was oft ausgeblendet wird ist, dass es in anderen Ländern wie Frankreich ebenfalls ein Wirtschaftswunder gab. Nicht nur in Deutschland. Es war also eher ein Phänomen der Nachkriegszeit und des Wiederaufbaus als des deutschen Fleißes.

Ungesehene Erkenntnis 2:


Die Währungsreform war essentiell für die aufblühende Wirtschaft. Jedoch war nicht Ludwig Erhard der Urheber der Währungsreform 1948 sondern die USA. Die Deutsche Mark war bereits seitens der USA gedruckt, bevor deutsche Währungsexperten (pro Forma und auch ohne Ludwig Erhard) in der "Konklave von Roth-Westen" 1948 zusammengerufen wurden um über eine neue Währung zu reden.

Ungesehene Erkenntnis 3:
Durch den Marschall-Plan wurden Baumwolle und Tabak aus den USA geliefert.
Entgegen der damaligen Darstellung wurden jedoch nicht Maschinen ins Land gebracht und mit US-Geldern Fabriken wieder aufgebaut, so Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser. Zudem seien deutsche Industrieanlagen nicht so stark zerstört gewesen wie zunächst angenommen und konnten relativ schnell wieder verwendet werden.
Viel wichtiger seien die Ingenieure und Wissenschaftler gewesen, die aus dem Osten in den Westen gebracht wurden und durch die Firmen wie Audi in Ingolstadt gegründet werden konnten.
Die deutschen Automobilhersteller konnten auf das Massenfertigungs-Know-How der Amerikaner und rückkehrenden Deutsch-Amerikaner zurückgreifen und erreichten so einen Vorsprung vor der Europäischen Konkurrenz.

Laut Peter Sichel (ehem. Leiter CIA) wollten die Amerikaner vor allem verhindern, dass Europa kommunistisch wurde.

Ungesehene Erkenntnis 4:
Im Londoner Schuldenabkommen wurden (West-) Deutschland 1953 die Hälfte seiner Schulden erlassen. Zudem wurden im Gegensatz zu 1918 keine Reparationszahlungen gefordert. Dies ermöglichte ganz wesentlich das Wirtschaftswunder.

Betrachtungen dazu:

Die USA war nach dem Krieg und bis zum Fall der Deutsch-Deutschen Mauer sehr daran interessiert, das westliche Modell von Politik und Wirtschaft gegenüber dem kommunistischen Modell gut aussehen zu lassen. Die Währungsreform schaffte breit verteilte Vermögen, Sicherheit und Leistungsanreiz. Kapitaleinkommen spielte damals kaum eine Rolle, weil es zumindest im Inland kaum mehr große Kapitalanhäufungen gab. Sachvermögen (z.B. Besitz an Unternehmen, großen Immobilien) wurde mit Ausgleichszahlungen belastet. Jeder bekam erst 40DM, später nocheinmal 20DM, anderes Bargeld existierte nicht. So entstanden annähernd gleiche Voraussetzungen für weite Teile der Bevölkerung. Ein Großteil des Erlöses aus der Wertschöpfung wurde dadurch zu Arbeitseinkommen. Die Differenz von höchsten zu niedrigsten Löhnen in einem Unternehmen war höchstens 10:1, ganz anders als heute in Zeiten von Millionengehältern und -boni.
Durch die soziale Marktwirtschaft entstand zusätzlich ein Gefüge aus breitem Wohlstand und sozialer Absicherung.

Seit das Konkurrenzmodell Kommunismus quasi verschwunden ist, wurden in Deutschland Sozialsysteme eher abgebaut und Europäische Staaten gerieten in Folge der Finanzkrise 2008 (Kapitalkrise, durch US-Banken verursacht, wenn nicht gar insziniert, siehe Dokumentarfilm "Inside Job") in Schuldenkrisen. Staatseigentum und Sozialsysteme werden zunehmend "veräußert", um die weiter steigenden Zinszahlungen leisten zu können.

Ein Schuldenschnitt, wie er damals Deutschland zugestanden wurde, fand und findet nicht statt. So stieg die griechische Staatsschuldenlast vom Beginn der "Retung" 129% des Bruttoinlandsproduktes bis 2013 auf 179% des Bruttoinlandsproduktes [Artikel]. Dies ist kein Weg aus der Krise und auch kein Weg in eine gesunde Wirtschaft. Ein gesunder Weg führt nur über die Erhöhung der Wirtschaftsleistung und Warenabsatz der Krisenländer, nicht über Austeritätspolitik (Politik des staatlichen Sparens).


Das Problem sind nicht in erster Linie die Fehler, die von den Griechen, Portugisen, Spanier, Italiener, Franzosen usw. begangen wurden. Das Problem ist vor allem, dass die virtuellen Gewinne aus den Finanzblasen durch die staatliche Rettung in Staatsschulden und damit reale Forderungen umgewandelt wurden.

Grafik: Entwicklung der Geldmenge M3 (Giralgeld und kurzfristige Kredite/Anlagen) in Europa, Zahlen vom Statistischen Bundesamt
Diese Forderungen stellen Guthaben dar, um deren Erhalt sich die Finanzwelt sorgt. Dass die Politik in diesem Spiel den Interessen der Finanzwelt folgt statt die der Mehrheit der Staatsbürger, zeugt davon dass die Demokratie längst einer Plutokratie bzw. Plutonomie, wie es die Citibank ausdrückte, gewichen ist. Aus dieser Demokratiekrise kommt man nur durch eine Veränderung des Wirtschafts- und Finanzsystems (der sanfte Weg) oder durch revolutionäre Enteignungen (Kahlschlag) heraus, denn derzeit zeichnen sich in der politischen und wirtschaftlichen Landschaft leider keine Tendenzen zur nachhaltigen Lösung dieses Problems ab.

Christoph Ulrich Mayer, 7/2013
Mehr dazu im Buch Goodbye Wahnsinn
Vom Kapitalismus und Kommunismus zum menschengerechten Wirtschaftssystem